{"id":2158,"date":"2018-10-23T00:14:10","date_gmt":"2018-10-22T23:14:10","guid":{"rendered":"http:\/\/jewsineastprussia.de\/jewish-migration-from-lithuania-to-east-prussia\/"},"modified":"2018-11-04T21:51:26","modified_gmt":"2018-11-04T21:51:26","slug":"jewish-migration-from-lithuania-to-east-prussia","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/jewish-migration-from-lithuania-to-east-prussia\/","title":{"rendered":"J\u00fcdische Migration von Litauen nach Ostpreu\u00dfen (ab 1813)"},"content":{"rendered":"<p>von Ruth Leiserowitz<br \/>\nUntersucht man, woher die Zuwanderer kamen, stellt sich \u00fcberraschenderweise heraus, da\u00df es sich vorwiegend um Kurzstreckenmigration handelte. Eine gro\u00dfe Anzahl von Juden, die im 19. Jh. naturalisiert wurden (Naturalisierung nannte man damals in Preu\u00dfen das Einb\u00fcrgerungsverfahren), stammte aus der direkten Grenzregion. Das Geflecht der Beziehungen zwischen den Juden zu beiden Seiten der Grenze ist bisher wenig erforscht worden. Rege Kontakte gab es auf alle F\u00e4lle, in erster Linie aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden. Dazu z\u00e4hlen auch die h\u00e4ufigen M\u00e4rkte in der Region (beiderseits der Grenze) und die vielen Aufenthalte j\u00fcdischer Kaufleute in Tilsit. Neben dieser Form des grenz\u00fcbergreifenden Handels zielt eine weitere Fragestellung auf die grenz\u00fcberschreitende Wirtschaftsmigration &#8211; sowohl die legale Zuwanderung wie auch die unerlaubten Aufenthalte &#8211; und die Restriktionen der preu\u00dfischen Beh\u00f6rden darauf. Daneben darf auch der Schmuggel als Alltagstopos nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p>Schaut man \u00fcber die Grenze, in die litauischen Stetl jener Zeit, f\u00e4llt auf, da\u00df der \u00f6konomische Niedergang und Hungersn\u00f6te die Einwohnerschaft zur Suche nach Alternativen zwangen. Zwischen 1867 und 1871 gab es eine bedeutende Emigration aus der Stadt, vor allem nach Deutschland, aber auch in die Vereinigten Staaten. (Sp\u00e4ter wurde die Situation noch durch politische Faktoren, vor allem die Pogrome rasant versch\u00e4rft.)<\/p>\n<p>Bei Betrachtung der Situation im Herkunftsort f\u00e4llt auf, da\u00df an diesen Orten nicht nur die Zukunft in Preu\u00dfen anvisiert, sondern generell eine Entscheidung zur Auswanderung getroffen wurde. Es bewahrheitete sich die banale Feststellung, da\u00df wer an der Grenze lebte, auch hin\u00fcber wollte. Hier fanden Entscheidungen statt, die stark von finanziellen Situationen gepr\u00e4gt wurden und immer rationale Schritte darstellten. Oft gingen Familienzweige sehr verschiedene Wege. Generell vergr\u00f6\u00dferten sich die Wanderungsdistanzen. Einige reisten nach Amerika, andere gingen nach Pal\u00e4stina und die Verm\u00f6gendsten siedelten sich in Ostpreu\u00dfen an.<\/p>\n<p>Konrad Fuchs stellt zutreffend fest:\u00a0<em>&#8222;Der wirtschaftlichen Gesamtlage in Ost- und Westpreu\u00dfen entsprechend, engagierte sich die dortige j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung zu wesentlichen Teilen im Handel und Gewerbe der Kleinst\u00e4dte, sieht man von den Kommunen K\u00f6nigsberg, Danzig und Elbing einmal ab.&#8220; (Konrad Fuchs, &#8222;J\u00fcdisches Wirtschaftsleben in Ost-und Westpreu\u00dfen&#8220; in :Brocke, Michael, Heitmann, Margret, Lordick, Harald (Hrsg.): Zur<br \/>\nGeschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreussen.Hildesheim 2000)<\/em><\/p>\n<p>Das wirtschaftliche F\u00fcr und Wider bei der Ansiedlung von j\u00fcdischen Kaufleuten in den Augen des preu\u00dfischen Staates gibt ein Statement aus der Naturalisierungsakte des Meyer Israel Liebsch\u00fctz aus Neustadt von 1844 recht treffend wieder:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wenn auch durch die neuerrichtete Zoll&#8230; in Neustadt sowie durch die Erbauung der \u2026. Chausee der Handel des Marktflecken Heydekrug- welcher letzterer nicht unmittelbar durch die Chaussee ber\u00fchrt werden d\u00fcrfte, einen erheblichen Aufschwung erhalten d\u00fcrfte, so w\u00fcrde doch dem erw\u00e4hnten Bed\u00fcrfnisse durch Ansiedlung inl\u00e4ndischer christlicher und j\u00fcdischer Kaufleute in Heydekrug schnell und vollst\u00e4ndig abgeholfen werden, da dieser Ort in der Mitte zwischen zwei nicht unbedeutenden Handelsst\u00e4dten Tilse und Memel gelegen und an Handeltreibenden hier kein Mangel ist. Die Vortheile aber, welche etwa dem diesseitigen Staate aus den Verbindungen des p.Israel mit jenseitigen Kaufleuten erwachsen k\u00f6nnen, werden durch die eben damit zusammenh\u00e4ngenden Nachteile mindestens aufgewogen. Denn es ist erfahrungsm\u00e4\u00dfig da\u00df die sich hier ansiedelnden russischen und polnischen Juden in Menge ihrer den Hausier- und Schmuggel- Handel treibenden und f\u00fcr das hiesige Land anerkannten sch\u00e4dlichen Religionsverwandten aus dem Nachbarstaate herbeizuziehen pflegen und dieselben nur zu gern gegen die zur Abwehr solcher Eindringlinge getroffenen Polizei Ma\u00dfregeln sch\u00fctzen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Juden, die einwanderten, mu\u00dften &#8211; gerade auf Grund der herrschenden Stereotype &#8211; komplexe und komplizierte Anpassungsleistungen erbringen, um die Bedingungen einer zweiten Sozialisation zu erf\u00fcllen. Sie unterlagen der Notwendigkeit, neue Lebenskonzepte zu erlernen und anzuwenden. Dazu z\u00e4hlten beispielsweise die Akzeptanz anderer Autorit\u00e4tsprinzipien oder Instanzen sozialer Kontrolle.<\/p>\n<p>Die Entscheidung zur Migration implizierte auch Erwartungen \u00fcber die neue Rolle, die die Ank\u00f6mmlinge in der neuen Umgebung \u00fcbernehmen wollten. Viele von ihnen kamen als junges Paar nach Preu\u00dfen und brachten ihre Eltern mit. Die Kinder wurden schon in Preu\u00dfen geboren, die Enkel wu\u00dften nur noch wenig \u00fcber die Herkunft der Familie jenseits der Grenze.<\/p>\n<p>In westlicher Orientierung war die Grenzregion f\u00fcr ihre Bewohner attraktiv, da sie positive Perspektiven versprach. Die &#8222;kurze&#8220; L\u00f6sung (kurz im Sinne der zu \u00fcberwindenden Distanz gesehen, unterschwellig aber auch im Sinne des sehr beschr\u00e4nkten Zeitraums begriffen), die gut kalkulierbar erschien, bestand in dem Wechsel nach Preu\u00dfen bzw. in das Deutsche Reich. Die Gruppe der Zuwanderer, die hier ins Blickfeld r\u00fcckt, sah in ihrem Grenz\u00fcbertritt eine selbstgew\u00e4hlte Chance, eine positive L\u00f6sung . Die Kinder der Migranten (die Angeh\u00f6rigen der zweiten Generation) wurden zu echten deutschen Staatsb\u00fcrgern. Ihre starke Identifikation f\u00fchrte in ihrer Lebensmitte, nach 1933, dazu, die Bedrohlichkeit der politischen Situation zu untersch\u00e4tzen. Aus diesem Grund vers\u00e4umten sie, rechtzeitig ihre Flucht zu organisieren. Pl\u00f6tzlich wurde aus der positiven Grenzerfahrung die h\u00f6chst negative der Ausgrenzung Ihre Kinder (die Angeh\u00f6rigen der dritten Generation) erlebten die Phase ihres Erwachsenenwerdens, sofern sich Flucht noch bewerkstelligen lie\u00df, schon im Ausland. In ihrer Erinnerung versucht die dritte Generation, die ausgesprochen deutschkulturelle Orientierung von Eltern und auch Gro\u00dfeltern zu verorten, wobei sich ihnen viele ungekl\u00e4rte Fragen stellen.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick wirkt die Migration im 19.Jh. wie eine Erfolgsstory. Die Wende kam sehr rasch &#8211; ab 1885. Dann begann die preu\u00dfische Regierung, Juden mit russischer Staatsb\u00fcrgerschaft auszuweisen, auch wenn sie schon lange in Preu\u00dfen lebten. Ein Bleiberecht konnte sich oft nur erkaufen, wer wirtschaftlich erfolgreich war und im Ort Einflu\u00df besa\u00df.<\/p>\n<p>Nach welchen Erw\u00e4gungen die Beh\u00f6rden vorgingen, zeigt der Auszug aus einer Akte zur Naturalisierung eines Herrn Rogalsky:<\/p>\n<p><em>&#8222;Der Familie Rogalsky, die die russische Staatsangeh\u00f6rigkeit besass und am 17. November 1873 hier zuzog, ist im September 1886 die Aufenthaltsgenehmigung ohne Einschr\u00e4nkung gew\u00e4hrt worden.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn Mitglieder der Familie Rogalski auch noch als Ausl\u00e4nder betrachtet werden , so sind sie als solche doch nicht mehr tats\u00e4chlich zu behandeln. Die Ausweisung ist nicht mehr durchzuf\u00fchren und im Falle der Verarmung w\u00fcrde die Gemeinde aufkommen m\u00fcssen. Der Gesuchsteller bezieht ein Gehalt von cr.1200 Mark und hat ein Verm\u00f6gen von cr. 18.000 Mark, er besitzt ein Materialwarengesch\u00e4ft, verbunden mit einer Gastwirtschaft und ist somit in der Lage, seine Mutter und seine 5 unverheirateten Schwestern mit zu unterhalten. Das w\u00fcrde aber aufh\u00f6ren, wenn der Antragsteller von hier verz\u00f6ge. Es liegt deshalb im diesseitigen Interesse ihn hier zu halten&#8230;(&#8230;)&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nur wenige Juden konnten mit derartigem Kapital aufwarten. Die meisten ohne Staatsb\u00fcrgerschaft wurden wieder zur\u00fcck \u00fcber die Grenze geschickt. Einige schafften es, nach Amerika oder Afrika auszuwandern.<\/p>\n<p>Wie verlief ihr weiteres Schicksal? Blieben sie in Litauen? Wanderten sie aus?<\/p>\n<p>F\u00fcr meine Forschungsarbeit suche ich Dokumente \u00fcber litauische Juden, die aus Ostpreu\u00dfen ausgewiesen wurden sowie zu ihrem weiteren Lebensweg.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/jewsineastprussia.de\/stories-about-people\/?lang=de\">zur\u00fcck zur Seite Geschichten \u00fcber Menschen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Ruth Leiserowitz Untersucht man, woher die Zuwanderer kamen, stellt sich \u00fcberraschenderweise heraus, da\u00df es sich vorwiegend um Kurzstreckenmigration handelte. Eine gro\u00dfe Anzahl von Juden, die im 19. Jh. naturalisiert wurden (Naturalisierung nannte man damals in Preu\u00dfen das Einb\u00fcrgerungsverfahren), stammte aus der direkten Grenzregion. 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