{"id":2784,"date":"2018-11-25T16:30:49","date_gmt":"2018-11-25T16:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/?page_id=2784"},"modified":"2019-10-20T01:34:29","modified_gmt":"2019-10-19T23:34:29","slug":"juden-in-russ","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/juden-in-russ\/","title":{"rendered":"Juden in Ru\u00df"},"content":{"rendered":"<h3>zeitgen\u00f6ssische Berichte<\/h3>\n<p>von dem Landarzt Arthur Kittel<\/p>\n<figure id=\"attachment_2772\" aria-describedby=\"caption-attachment-2772\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2772 size-medium\" src=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/heydekrug2-300x185.jpg\" alt=\"Heydekrug Russ\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/heydekrug2-300x185.jpg 300w, https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/heydekrug2.jpg 474w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2772\" class=\"wp-caption-text\">Kursiu mare 1995<\/figcaption><\/figure>\n<p>Z\u00e4he Tatkraft und starker Unternehmungsgeist vereinte die j\u00fcdischen, russischen Holzh\u00e4ndler. Sie kauften staatliche und private Waldungen und erm\u00f6glichten bei der gro\u00dfen Anspruchslosigkeit der Arbeiter die \u00dcberf\u00fchrung der gewaltigen Holzmassen aus den hundert Meilen entfernten gro\u00dfen russischen Forsten. So schwamm das Holz stromabw\u00e4rts, mitunter von Hochwasser und St\u00fcrmen zerzaust, nach Ru\u00df.<br \/>\nHier herrschte in den Sommer- und Herbstmonaten ein reges Leben und treiben. Die Str\u00f6me waren mit Triften bedeckt. Abends sangen am Wachfeuer die Fl\u00f6\u00dfer zur Harmonika ihre melancholischen Lieder. Am Tage brachten zahlreiche Arbeiter aus Ru\u00df und den Nachbard\u00f6rfern gegen gute Bezahlung und reichliche Schnapsspenden die eichenen St\u00e4be und St\u00e4mme das Wasser durchwatend ans Land zum Trocknen, um sie sp\u00e4ter in Reisek\u00e4hnen nach Memel f\u00fcr England zu verladen. Dort wurde aus den Eichenst\u00e4mmen Get\u00e4fel f\u00fcr Schiffskaj\u00fcten, Zimmer und kostbare M\u00f6bel angefertigt. Die St\u00e4be verarbeitete man zu F\u00e4ssern, in denen sie vielleicht nach vielen Jahren als Porter-, Rotwein- und Portweinf\u00e4sser zur\u00fcckkehrten. Gro\u00dfkaufleute aus Ru\u00dfland wohnten in Ru\u00df in den zwei j\u00fcdischen Gasth\u00e4usern, mit den Maklern und Schaffern, wenn das Holz verkauft war. Und die Memeler Kaufleute kamen zu ihren vier Spediteuren, um die Vertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen. Bei ihnen nahmen sie oft Wohnung und besuchten gern unser Gasthaus. Die j\u00fcdischen H\u00e4ndler lie\u00dfen f\u00fcr sich und ihre Familie Kleidungs- und W\u00e4schest\u00fccke anfertigen und kauften viele Wirtschaftsgegenst\u00e4nde ein. Meinen \u00e4rztlichen Rat nahmen sie oft in Anspruch. Bei ernsteren Erkrankungen fuhren sie zu zwei Professoren in K\u00f6nigsberg. Mit ihren Verordnungen suchten sie mich dann wieder auf und befolgten die von mir ausgew\u00e4hlten. Manchmal wurde ich mit dem Spediteur in eine Schafferne eingeladen, wobei uns der Schaffer gab: \u201ca Ball\u201c:\u201cA Ent mit Bulwis, Jauch und Schwarzbier.\u201c Diese jiddisch-deutschen Worte bedeuten: Der Schaffer gab eine Gesellschaft, einen Entenbraten mit Kartoffeln, Tunke und englischem Porter. Jiddisch-deutsch sprechen die f\u00fcnf Millionen in Ru\u00dfland wohnenden Juden. Viele B\u00fccher und Tageszeitungen erscheinen in jiddischer Sprache, die f\u00fcr uns Deutsche nach kurzem Aufenthalt verst\u00e4ndlich und leicht erlernbar ist. Wenn die H\u00f6lzer verkauft waren, \u00fcbernahm sie der Spediteur f\u00fcr Rechnung des betreffenden Kaufmanns, ma\u00df sie aus und erteilte dem Verk\u00e4ufer eine spezifizierte Empfangsbescheinigung, \u201eConsignation\u201c, auf die hin er in Memel die Bezahlung erhielt. Der Spediteur lie\u00df dann die Triften in Fl\u00f6\u00dfe umarbeiten und sandte sie je nach Bedarf nach Memel ab.<br \/>\nDie in Ru\u00df wohnenden j\u00fcdischen Schneidem\u00fchlenbesitzer, Kaufleute, Holzmakler, Gasthofbesitzer und H\u00e4ndler f\u00fchrten ein musterhaftes Familienleben. Sie unterhielten ein Bethaus und Frauenbad, unterst\u00fctzt durch ihre russischen Glaubensgenossen, die im Sommer als Holzh\u00e4ndler dorthin kamen. Als beste Patienten hielten sie sich an die \u00e4rztlichen Vorschriften und trieben keine Kurpfuschereien. Sie waren wohlt\u00e4tig gegen Juden und Christen. F\u00fcr arme, j\u00fcdische M\u00e4dchen legten sie die Aussteuer zur Hochzeit zusammen. Ein Makler, der als Kochjunge barfu\u00df auf einer Trift nach Ru\u00df kam und durch T\u00fcchtigkeit und Flei\u00df reich geworden war, fragte in Memel seinen alten Freund: \u201cNathan, warum heiraten Deine T\u00f6chter nicht?\u201c Auf die Antwort: \u201cDas wei\u00dft Du ja,\u201c legte er 30 000 Mark auf den Tisch. \u201eGib jeder die H\u00e4lfte.\u201c Nach drei Monaten waren beide gl\u00fcckliche Frauen.<br \/>\nViele Juden geh\u00f6rten unseren Vereinen an, doch konnten sie an unseren Festessen nicht teilnehmen, da sie streng orthodox lebten und durch Nichtachtung der Speisegebote bei ihren russischen Glaubensgenossen in Mi\u00dfachtung geraten w\u00e4ren. Ich habe oft j\u00fcdische Festlichkeiten mitgemacht, bei denen die \u00e4lteren M\u00e4nner schwarz- und wei\u00dfgestreifte Thoram\u00e4ntel und Kopfbedeckungen trugen. Der Kultusbeamte begr\u00fc\u00dfte nach dem Gebet einzeln die anwesenden G\u00e4ste. Die Trauungen fanden unter freiem Himmel oder in winterlicher Zeit im Zimmer unter einem Thronhimmel statt. Der von vier jungen Leuten gehalten wurde.<\/p>\n<p>Auszug aus: Arthur Kittel, 37 Jahre Landarzt in Preu\u00dfisch-Littauen 1869-1906, K\u00f6nigsberg 1921<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/413-2\/\">Zum Verzeichnis Orte in Ostpreussen A-Z &gt;&gt;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/heydekrug-eng\/?lang=de\">Link zu Heydekrug Zeit 1815-1919<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zeitgen\u00f6ssische Berichte von dem Landarzt Arthur Kittel Z\u00e4he Tatkraft und starker Unternehmungsgeist vereinte die j\u00fcdischen, russischen Holzh\u00e4ndler. Sie kauften staatliche und private Waldungen und erm\u00f6glichten bei der gro\u00dfen Anspruchslosigkeit der Arbeiter die \u00dcberf\u00fchrung der gewaltigen Holzmassen aus den hundert Meilen entfernten gro\u00dfen russischen Forsten. 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