{"id":2838,"date":"2018-11-25T21:48:50","date_gmt":"2018-11-25T21:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/?page_id=2838"},"modified":"2019-10-20T01:31:30","modified_gmt":"2019-10-19T23:31:30","slug":"juden-in-klaipeda","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/juden-in-klaipeda\/","title":{"rendered":"Juden in Klaipeda"},"content":{"rendered":"<h3>Klaipeda \/Memel<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Hafen, der Handel, die guten Bedingungen f\u00fcr eine industrielle Entwicklung, die M\u00f6glichkeit, einen Beruf zu erlernen und die erleichterten M\u00f6glichkeiten zur Auswanderung motivierten viele Juden nach 1923, sich in Memel anzusiedeln. So kam auch der Glash\u00e4ndler Rabinowitz aus Plunge mit seiner Familie in die Stadt. Unter den Zugezogenen waren Juden, die aus Kaunas stammten und ihre Diplome in Deutschland erworben hatten, wie der Arzt Leon Rostowski, der dann dem J\u00fcdischen Krankenhaus vorstand, aber auch Juden, die aus Ru\u00dfland stammten, wie die Familie des Flachsh\u00e4ndlers Boris Segalowitz (aus Witebsk). Eine andere Gruppe bestand aus litauischen Juden, die w\u00e4hrend des Weltkrieges in das Innere Ru\u00dflands verbannt worden waren und jetzt anl\u00e4\u00dflich ihrer R\u00fcckkehr freie Ortswahl treffen konnten, so z. B. der Kaufmann Zalman Hillmann. In den drei\u00dfiger Jahren kamen vor allem Arbeitskr\u00e4fte aus der Provinz, die froh waren, w\u00e4hrend der allgemeinen Krise Anstellungen in Memeler Industriebetrieben zu finden.<\/p>\n<p>Die litauische Regierung war erfreut \u00fcber den Anstieg der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, da ihrer Meinung nach die Juden gemeinsam mit den Litauern die deutsche Mehrheit merklich schw\u00e4chten. 1928 betrug ihre Anzahl bereits 4.500, d.h. die Anzahl der Zugezogenen \u00fcberwog bereits. Allerdings mu\u00df man bei der Bewertung dieser Zahlen auch das allgemeine lebhafte Wachstum der Stadt ber\u00fccksichtigen (1918: 20.884 Einwohner,1.1. 1936: 47.412 Einwohner). Die Stadt erlebte einen verbl\u00fcffenden Aufschwung.<\/p>\n<h3><strong>Statistiken<\/strong><\/h3>\n<p>Verschiedene Statistiken nennen unterschiedliche Zahlen. So gibt es bereits eine Zahl von 2008 Juden f\u00fcr 1910, w\u00e4hrend die preu\u00dfische Statistik f\u00fcr das gleiche Jahr 851 j\u00fcdische Personen anf\u00fchrt. Zum Stichtag 20.09.1920 wurden f\u00fcr das gesamte Memelland 1.350 Juden angegeben, eine Zahl, die der in Memel lebende Rechtsanwalt Rudolfas Valsonokas als unglaubw\u00fcrdig gering kommentiert. Derselbe Autor vermerkt, da\u00df bis Anfang 1932 ca. 2.000 Juden aus Gro\u00dflitauen zuzogen, die sich haupts\u00e4chlich in der Stadt Klaipeda angesiedelt h\u00e4tten und f\u00fcgt hinzu, da\u00df die Statistik der j\u00fcdische Gemeinde Klaipeda f\u00fcr Anfang 1932 insgesamt 888 j\u00fcdische Familien als Mitglieder vermeldete.<\/p>\n<p>Verschiedene Quellen nennen f\u00fcr 1938 &#8211; 6.000 Juden (12, 5%) und f\u00fcr 1939 &#8211; 7.000 Juden (14%) bei einer gesamten Stadtbev\u00f6lkerung von 51.000. 9.000 Juden sollen 1939 die gesamte Region verlassen haben. Da die Abwanderung der Juden aus Stadt und Region nachweislich schon 1938 einsetzte, m\u00fcssen die Zahlen f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerungszunahme 1938-1939 noch einmal hinterfragt werden. Denkbar k\u00f6nnte sein, da\u00df sich in jenem Zeitraum viele Juden zeitweise in der Stadt aufhielten um eine Ausbildung f\u00fcr die Auswanderung nach Pal\u00e4stina (Haschara) zu durchlaufen. Mike Rabinowitz hingegen gibt an, da\u00df sich viele Juden aus Deutschland und \u00d6sterreich vor 1939 zeitweise in Memel aufhielten.<\/p>\n<p>Bereits zum 1.12.1938 untersagte das Direktorium s\u00e4mtliche Ausverk\u00e4ufe; trotzdem nahm die Aufl\u00f6sung j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte zu. Schon bald lautete die Zeitungsschlagzeile in Kaunas: &#8222;In Klaipeda werden j\u00fcdische Firmen liquidiert&#8220;<\/p>\n<p>Die &#8222;Kredit- und Kommerzbank&#8220; von Jawschitz liquidierte mit Abschlu\u00df des Jahres 1938 und verlegte ihren Sitz nach Kaunas.<\/p>\n<p>Eine Kaufmannsfrau berichtet: &#8222;In Memel kehrte sich der nationalsozialistische Charakter immer mehr heraus. Immer mehr h\u00f6rte man auf den Stra\u00dfen Aufforderungen, das Litauerjoch abzuwerfen, sich dem F\u00fchrer anzuschlie\u00dfen; ganz laut wurden Nazilieder gesungen. F\u00fcr uns Juden waren das gewi\u00df keine angenehmen Kl\u00e4nge. Ich, die ich viele Freundinnen unter den christlichen Memlerinnen hatte, mu\u00dfte wahrnehmen, da\u00df ein Teil von diesen den Kopf abwandte, um, mich nicht zu gr\u00fc\u00dfen. Doch habe ich keineswegs vergessen, da\u00df einige, weil ich nun selbst den Kopf wegdrehte, mir &#8218;guten Tag&#8216; zuriefen und mich abstellten, um zu zeigen, da\u00df ich in ihren Augen dieselbe geblieben war. Meiner sechzehnj\u00e4hrigen Tochter, die blond und blau\u00e4ugig ist, wurde \u00f6fters von Jugendlichen zugerufen: &#8222;Heil Hitler, komm heute auf den Ferdinandsplatz, da ist Versammlung.&#8220; Das erschreckte mich sehr. Mein Mann war damals schon gesch\u00e4ftlich nach England gefahren und kehrte nicht mehr zur\u00fcck. Ich allein mu\u00dfte alle Entscheidungen treffen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlinge konzentrierte sich in Kaunas. Die Ratlosigkeit war gro\u00df, hektisch wurde nach Alternativen gesucht. Bereits am 26.M\u00e4rz 1939 formulierte Dr. Martin Rosenblueth vom Central Bureau for the Settlement of German Jews einen Brief an das Immigration Department der Jewish Agency for Palestina in Jerusalem:<\/p>\n<p>&#8222;Sehr geehrte Herren, Wir schicken Ihnen in der Anlage Kopie unseres heutigen Briefes an das Pal\u00e4stina-Amt Kaunas, das uns einen ganz verzweifelten Brief wegen 3000 Fl\u00fcchtlingen aus Memel geschrieben hat.<\/p>\n<p>Wir glauben wirklich, da\u00df man in irgend einer Weise helfen mu\u00df, und da\u00df \u00fcberhaupt das Refugee-Problem jetzt solche Dimensionen annimmt, da\u00df eine Refugee-Quote von 25 oder 35 Zertifikaten in keiner Weise den Anspr\u00fcchen gerecht werden kann.&#8220;<\/p>\n<p>Es fanden sich Ausreisem\u00f6glichkeiten f\u00fcr junge Leute nach Pal\u00e4stina, deren Zahl aber ganz und gar nicht die Nachfrage decken konnte. Wenige Monate sp\u00e4ter begann der Zweite Weltkrieg und eine Welle polnisch-j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge schwappte nach Litauen, vor allem nach Vilnius, aber auch nach Kaunas, wo sich nun immer mehr Juden hektisch nach Fluchtm\u00f6glichkeiten aus Litauen erkundigten. Inzwischen ben\u00f6tigten die Memeler Juden neue P\u00e4sse, denn die memell\u00e4ndischen P\u00e4sse verloren Ende 1939 ihre G\u00fcltigkeit. Schon am 23. M\u00e4rz 1939 erlie\u00df Deutschland ein Gesetz, da\u00df diejenigen Memell\u00e4nder, die am 30. Juli 1924 litauische Staatsangeh\u00f6rige geworden waren und ihren Wohnsitz am 22. M\u00e4rz 1939 im Memelgebiet oder in Deutschland hatten, wieder die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit erhalten w\u00fcrden. W\u00e4hrend der Verhandlungen zum Vertrag zwischen Litauen und dem Deutschen Reich \u00fcber die Staatsangeh\u00f6rigkeit der Memell\u00e4nder, die am 8. Juli 1939 in Kaunas abgeschlossen wurden, einigten sich beide Parteien schlie\u00dflich darauf, da\u00df alle Personen, die die litauische Staatsangeh\u00f6rigkeit w\u00fcnschten, sie innerhalb einer Frist beantragen k\u00f6nnten. Die litauische Regierung zeigte sich den memell\u00e4ndischen Juden gegen\u00fcber gro\u00dfz\u00fcgig und erteilte ihnen litauische P\u00e4sse.<\/p>\n<p>1940 besetzten sowjetische Truppen Litauen, das Land wurde Sowjetrepublik. Hebr\u00e4ischunterricht wurde nun verboten bzw. durch Jiddisch ersetzt, j\u00fcdische Wissenschaftler verhaftet. Ausl\u00e4nder und Kapitalisten galten als verd\u00e4chtig, darunter fielen auch die wohlhabenden der Memeler Fl\u00fcchtlinge. Zahlreiche Familienunternehmen wurden enteignet. Boris Segalowitz erhielt beispielsweise die Aufforderung, von Panevezys nach Kaunas zu ziehen, er galt als verd\u00e4chtiger Deutscher. Im Juli 1940 forderte die sowjetische Regierung alle diplomatischen Missionen auf, Kaunas zu verlassen. Nur der holl\u00e4ndische und der japanische Konsul leisteten dem Befehl nicht unmittelbar Folge. In den ihm verbleibenden 20 Tagen gab der japanische Konsul Sugihara in Kaunas an j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge Ausreisevisa aus. Unter den bis heute erfa\u00dften 2.139 Visainhabern waren 2% deutsche Juden, darunter auch Memeler. Wieviel der memell\u00e4ndischen Juden unter die sowjetischen Repressalien der Jahre 1940\/1941 fielen, ist noch nicht ausgewertet worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/413-2\/\">Zum Verzeichnis Orte in Ostpreussen A-Z &gt;&gt;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaipeda \/Memel &nbsp; Der Hafen, der Handel, die guten Bedingungen f\u00fcr eine industrielle Entwicklung, die M\u00f6glichkeit, einen Beruf zu erlernen und die erleichterten M\u00f6glichkeiten zur Auswanderung motivierten viele Juden nach 1923, sich in Memel anzusiedeln. 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