{"id":2985,"date":"2018-11-28T17:05:59","date_gmt":"2018-11-28T17:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/?page_id=2985"},"modified":"2019-10-20T01:36:22","modified_gmt":"2019-10-19T23:36:22","slug":"tilsit-1938","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/tilsit-1938\/","title":{"rendered":"Tilsit 1938"},"content":{"rendered":"<p>Isaak Rutman, der seit Anfang der f\u00fcnfziger Jahre in Sovetsk, dem ehemaligen Tilsit lebte, interessierte sich lebhaft f\u00fcr die Geschichte der Stadt und sammelte alle Zeichen der Zeit, derer er habhaft werden konnte. Auf dem Balkon seiner Wohnung bewahrte er beispielsweise den letzten noch erhaltenen Grabstein des ehemaligen j\u00fcdischen Friedhofs der Stadt auf.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2988\" aria-describedby=\"caption-attachment-2988\" style=\"width: 639px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2988\" src=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Rutman-Ruth-cut.jpg\" alt=\"Isaak Rutman Ruth Leiserowitz\" width=\"639\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Rutman-Ruth-cut.jpg 639w, https:\/\/jewsineastprussia.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Rutman-Ruth-cut-300x119.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 639px) 100vw, 639px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2988\" class=\"wp-caption-text\">Isaak Rutman mit Ruth Leiserowitz im Sommer 2000<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der \u00d6ffnung der Kaliningrader Gebietes f\u00fcr ausl\u00e4ndische Besucher 1991 vers\u00e4umte er nicht, viele G\u00e4ste der Stadt auch zu ihren Erinnerungen an die j\u00fcdischen B\u00fcrger zu befragen. Als Ergebnis notierte er u.a.: &#8222;Und auch nach dem Ersten Weltkrieg trugen viele der j\u00fcdischen Kriegsteilnehmer stolz ihr &#8222;Eisernes Kreuz&#8220; auf der Brust. Unter ihnen, wie mir bekannt ist, waren in Tilsit:<br \/>\n1) der Advokat <strong>Ehrlich<\/strong>;<br \/>\n2) der Inhaber des Stoffladens in der Deutschen Stra\u00dfe, der ehemalige Offizier <strong>Brinitzer<\/strong>;<br \/>\n3) der einarmiger Schumacher <strong>Silberstein<\/strong>, der in dem Mehrfamilienhaus auf der Ecke Moltkestra\u00dfe (Gastello Stra\u00dfe) und Balgadlenstra\u00dfe (Suvorova Stra\u00dfe) wohnte. Seinen Arm hatte er irgendwo an der Front verloren, und er lie\u00df sich nie ohne das &#8222;Eiserne Kreuz&#8220; auf der Stra\u00dfe blicken.<br \/>\nSp\u00e4ter bedankte sich das Vaterland bei seinen Helden auf folgende Weise: Der Sohn von Silberstein besuchte das Realgymnasium auf der anderen Seite der Moltkestra\u00dfe. Einmal w\u00e4hrend des Unterrichts, wahrscheinlich 1938, ging unerwartet die T\u00fcr auf und jemand rief den Jungen in den Flur heraus. Seitdem haben ihn weder die Schulkameraden noch seine Eltern gesehen&#8230;<\/p>\n<p>Damals, in den drei\u00dfiger Jahren, begangen elf Tilsiter Juden einer nach dem anderen Selbstmord. Unter ihnen war der ber\u00fchmte Gyn\u00e4kologe Herr <strong>Segal<\/strong>. In der Stadt war er unter anderem auch f\u00fcr seine ehrenamtliche Wohlt\u00e4tigkeitsarbeit bekannt. W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs war er leitender Chirurg des Tilsiter Milit\u00e4rlazarett. Die vom Kummer geplagte Witwe verstarb bald darauf, und ihr Sohn Herbert \u2013 ein Konzertgeiger des Tilsiter Stadtorchesters- emigrierte nach China.&#8220;<\/p>\n<p>Verschiedene Einwohner konnten sich auch nach Jahrzehnten an den Novemberpogrom, die sogenannte Kristallnacht erinnern.<\/p>\n<p>Herr Heinz Kebesch \u2013 er wohnte unweit von der Synagoge, in der Fabrikstra\u00dfe (Iskry Stra\u00dfe)- erz\u00e4hlte:<\/p>\n<p>&#8222;1938 wurde die Synagoge verbrannt und von den Nazis zerst\u00f6rt. Als ich einmal morgens zur Arbeit ging, sah ich ein Feuer. Bis heute kann ich dieses schreckliche Bild nicht vergessen.&#8220;<\/p>\n<p>Der ehemalige Tilsiter Bruno Lehnert, der bis zum Krieg auch in der Fabrikstra\u00dfe wohnte und von 1936 bis 1940 dort die alte Volksschule besuchte, wei\u00df noch:<\/p>\n<p>&#8222;Im November 1938 war mein Vater sehr krank. Nachts mu\u00dfte ich den Arzt rufen, der in der Kasernenstra\u00dfe (Komsomolskaja Stra\u00dfe) wohnte. Da wir nachts schlecht geschlafen haben, wachte ich am morgen sp\u00e4t auf und ging auch sp\u00e4t zur Schule. Als ich die Schulau\u00dfentreppe erreichte, war ich \u00fcberrascht die T\u00fcr geschlossen vorzufinden. Das Geb\u00e4ude kam mir erstaunlich ruhig vor, keine Kinderstimme war zu h\u00f6ren. Es roch nach etwas Verbranntem. Ich ging zur Ecke Saarstra\u00dfe (so wurde seit 1935 die Kirchenstra\u00dfe genannt), hier auf der Ecke der Rosenstra\u00dfe brannte das Geb\u00e4ude der j\u00fcdischen Synagoge, deswegen war die Schule geschlossen. Ich war neun Jahre alt und wu\u00dfte nicht, was das alles bedeutete. Erst viele Jahre sp\u00e4ter verstand ich, welche schreckliche Tat damals geschah. Au\u00dferdem sind mir die Feuerm\u00e4nner aufgefallen, die so taten, als ob sie das Feuer l\u00f6schten. Ich wunderte mich und verstand gar nichts&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ein anderer ehemaliger Tilsiter, der anonym bleiben wollte, erinnert sich:<\/p>\n<p>&#8222;Bis 1988 gab es in Tilsit eine j\u00fcdische religi\u00f6se Gemeinde, die ihre Synagoge im westlichen Stadtteil, in der N\u00e4he vom Friedhof hatte. Damals wohnten wir in der Waldstra\u00dfe 52 (Lesnaja Stra\u00dfe). In der Nacht vom 9. November 1938 holte unsere Mutter uns \u2013 vier Geschwister \u2013 aus den Betten und f\u00fchrte uns zur Eingangst\u00fcr. Auf der linken Seite sahen wir den Feuerschein. Mutter sagte uns, da\u00df dort die j\u00fcdische Synagoge brennt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, am 10. November 1938 ging ich zur Hohen Stra\u00dfe (Pobeda Stra\u00dfe). Dort, in der N\u00e4he von der Grundbank war das gro\u00dfe Schuhgesch\u00e4ft &#8222;Salamander&#8220;. Dessen riesigen Schaufenster im unteren Teil, ungef\u00e4hr auf der Brusth\u00f6he waren zerbrochen und die Schuhe durcheinander rausgeworfen. Daneben lagen Glassplitter. Rechts und links von dem Schaufenster standen zwei M\u00e4nner in SA Uniform. Auf dem Glas waren rechts und links Davidsterne gemalt (damals nannte man solchen Stern &#8222;j\u00fcdisch&#8220;), und dazwischen stand in wei\u00dfer Farbe mit ca.1 Meter gro\u00dfen Worten: &#8222;Kauft nicht bei Juden&#8220;.<\/p>\n<p>Von 1940 bis 1943 besuchte ich das Realgymnasium (h\u00f6here Schule f\u00fcr Knaben in Tilsit \u2013 I.P.). In dieser Schule unterrichtete ein j\u00fcdischer Lehrer. Wie er hie\u00df und was er unterrichtete \u2013 erinnere ich mich nicht mehr. Er war nicht gro\u00df und hatte einen wei\u00dfen Vollbart. Eines Tages \u2013 ich wei\u00df nicht mehr in welchem Jahr es war \u2013 verschwand dieser j\u00fcdische Lehrer und tauchte im Unterricht nie mehr auf. Sch\u00fcler sagten, da\u00df er in ein &#8222;Arbeitslager&#8220; kam. Was f\u00fcr eine tragische Bedeutung es damals hatte, wu\u00dften wir nicht.<\/p>\n<p>Dieser j\u00fcdische Lehrer war mit einer sogenannten &#8222;Arierin&#8220; verheiratet, die trotz des Verbots solcher Ehen sich nicht von ihren Mann scheiden lie\u00df. Nach der faschistischen Terminologie hatten sie einen halbj\u00fcdischen Sohn. Auch er besuchte unsere Schule. Eines Tages, ein paar Wochen nach dem &#8222;Wegschicken&#8220; seines Vaters kam er nicht zum Unterricht. Was mit der Frau passierte, ist mir unbekannt.&#8220;<\/p>\n<p>Der ehemalige Tilsiter Einwohner Kurt Lahmrat, der in der Sommerstra\u00dfe (Turgenewa Stra\u00dfe) wohnte, erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Familie war nicht reich, und deswegen konnte man mir zum neuen Schuljahr die neuen Schuhe nicht kaufen. Einmal sagt mein \u00e4lterer Bruder zur mir: \u201aDu hast ja keine Schuhe, auf der Hohen Stra\u00dfe hat man viele Schuhe aus dem j\u00fcdischen Gesch\u00e4ft auf die Stra\u00dfe geworfen. Geh und nimm dir so viel du willst&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Eine alte Deutsche, die 1938 noch ein Kind war, erz\u00e4hlt.: &#8222;Sie erinnert sich, wie eine J\u00fcdin, die Besitzerin des Gesch\u00e4fts im Nachbarhaus, im hysterischen Anfall zu ihnen nach Hause kam. Ihre Familien waren befreundet. Die J\u00fcdin weinte und klagte: \u201aWie sollen wir jetzt blo\u00df leben, wenn auf den Fenstern meines Gesch\u00e4fts seit dieser Nacht ein Plakat h\u00e4ngt: &#8222;Kauft nicht bei Juden! Wer bei Juden kauft, ist ein Verr\u00e4ter!&#8220;<\/p>\n<p>aus dem Russischen von Alina Gromova<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/jewsineastprussia.de\/de\/413-2\/\">Zum Verzeichnis Orte in Ostpreussen A-Z &gt;&gt;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isaak Rutman, der seit Anfang der f\u00fcnfziger Jahre in Sovetsk, dem ehemaligen Tilsit lebte, interessierte sich lebhaft f\u00fcr die Geschichte der Stadt und sammelte alle Zeichen der Zeit, derer er habhaft werden konnte. 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