„Sabbatleuchter und Kriegerverein, Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942“ Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, Bd. 24, 2010, Autorin Ruth Leiserowitz, fibre. Osnabrück 2010. 459 S., Ill., Kt. ISBN 978-3-938400-59-3. (€ 39,80.)

Sabbat Candlesticks

Dieses Buch enthält die Ergebnisse von über 10 Jahren Forschungsarbeit der Geschichtsprofessorin Ruth Leiserowitz.
Übersetzungen ins Englische und Litauische sind in Planung.

Buchbesprechung in English von Steven Schouten (2012) Sabbatleuchter und Kriegerverein: Juden in der ostpreuβisch-litauischen Grenzregion, 1812–1942, by Ruth Leiserowitz, East European Jewish Affairs, 42:1, 81-83, DOI: Link zu Buchbesprechung ENG >>

Buchbesprechung von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg, Uni-Giessen , Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 61 (2012) H. 2 S. 288

Die lokalen und regionalen Außenbeziehungen des im späten 19. und in der ersten
Hälfte des 20. Jh. zu einem „deutschen Vorposten“ und einer „deutschen Insel“ stilisierten Ostpreußen zu den litauischen, russländischen und belarussischen Nachbargesellschaften jenseits der Grenze sind wenig erforscht. Diese offensichtliche Forschungslücke wird für die mit einem Fokus auf den jüdischen Gemeinschaften auf beiden Seiten der Grenze zwischen Nimmersatt/Memel im Norden und Wystiten im Süden – eine Grenzregion von ca. Besprechungen und Anzeigen 150 km Länge – in der vorzustellenden, als Habilitation an der Humboldt-Universität in Berlin angenommenen Arbeit von Ruth L e i s e r owi t z behandelt. Dabei erweist sich die Konzentration auf die jüdische Bevölkerung als ausgesprochen sinnvoll, denn es handelte sich hierbei um die – auch im Gefolge von Pogromen und wirtschaftlichem Antisemitismus – mit Abstand migrationsaktivste Bevölkerungsgruppe in der Region.
L. untersucht die Beziehungen über die Grenze hinweg zwischen zwei deutlich hervortretenden Zäsuren: Am Anfang steht der napoleonische Einmarsch im Russländischen Reich (1812), der auch nach der Neuordnung der Grenzen in neue Grenzregimes mündete, in denen vor allem die Grenzüberquerung und der Grenzhandel zu einem einträglichen Geschäft wurden, von dem neben Gelegenheitsschmugglern auch ortsansässige Kaufleute und Handwerker auf beiden Seiten der Grenze profitierten. Am Ende der Studie steht die Ermordung der ortsansässigen Juden durch die deutsche Grenzpolizei 1941/42.
Für die untersuchten 130 Jahre tun sich in der Untersuchung spannend beschriebene Lebenswelten auf, die von der Vf. gestützt auf die Bestände des Geheimen Staatsarchivs Berlin, des Staatsarchivs Allenstein (Olsztyn) und des Staatsarchivs Vilnius (dort auch jeweils Bestände aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Gumbinnen), dem YIVO Institute for Jewish Research in New York sowie dem US Holocaust Memorial Museum in Washington untersucht werden. Durch eine kluge Kombination von behördlichem Schriftgut und Berichten der örtlichen Verwaltungen und Polizeibehörden sowie privaten Briefquellen und Erinnerungen werden auch Familien- und Einzelschicksale fassbar – eine Leistung, die angesichts des lückenhaften Zustands der Archive und der zerstreuten Überlieferung
besonders zu unterstreichen ist. Dabei konzentriert sich die Studie insbesondere auf das Zusammenleben von jüdischen und christlichen Bevölkerungen in einem multikonfessionellen Grenzmilieu und kann zeigen, wie unter den Bedingungen einer dünn bevölkerten und peripher gelegenen Grenzregion Juden und Christen wechselseitig voneinander profitierten. Einzelne Fallstudien – etwa zu der jüdischen Kleinstadt Wystiten östlich der preußisch-deutschen Grenze, zur jüdischen Kolonie Kakschen südlich von Tilsit oder zu den Lebenswelten von Eydtkuhnen, Kybartai und Wirballen – zeigen konkreten Lebenswelten vor Ort.

Eydtkuhnen
Railway Station Eydtkuhnen

In dem Untersuchungszeitraum von 130 Jahren lassen sich zwei deutliche Wendepunkte beschreiben: Zunächst sind die 1860er bis 1880er Jahre zu nennen, in denen der Eisenbahnbau (u.a. mit der zentralen Transitstrecke Königsberg – Sankt Petersburg mit den Grenzbahnhöfen Eydtkuhnen und Kybartai-Wirballen), die Pogrome im Russländischen Reich (1881), die dadurch ausgelöste Auswanderungswelle von russländischen Juden und die preußischen Ausweisungen von russländischen Juden neue Bedingungen einer nun deutlich verdichteten, aber auch konfliktträchtigeren Interaktion formulierten. Fand bis in die 1880er Jahre eine stille, aber kontinuierliche Einwanderung russländischer, „litvakischer“ Juden nach Ostpreußen statt und entstanden grenzüberschreitende Beziehungsnetze, so wurde nun die Grenzregion zu einem Transitraum, in dem jüdische Auswanderer auf Pässe warteten und Agenten die Durchreise aus dem Zarenreich in die Neue Welt organisierten.
Einen zweiten Wendepunkt bildeten in der Region der Erste Weltkrieg und die folgende Grenzneuordnung, die sich vor Ort bis 1923 hinzog und mit der Begründung des litauischen Staates sowie dem Konflikt um die Zugehörigkeit des Memelgebietes eine gänzlich neue Lage schuf. Ohne Zweifel zählte die Region beiderseits der Grenze durch die Kriegsverwüstungen und Deportationen der Bevölkerungen zu den am stärksten vom Krieg betroffenen Regionen Europas. Auch die jüdischen Lebenswelten mussten sich neu ausrichten, wobei in dem unter litauischer Verwaltung stehenden Memelland durchaus neue Karrierechancen bestanden. L. fokussiert hier – durchaus sinnvoll angesichts der breiten deutschen Literatur über das Memelland – vor allem auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Memel, die einen deutlichen Aufschwung erlebte. Für die ersten Kriegsjahre (1939-1942) liegt der Schwerpunkt nicht auf den gut beforschten deutschen Mordaktionen 1941, sondern auf einer Fallstudie zu Heydekrug, wo die örtlichen NS-Eliten jüdische Arbeitskräfte aus der Grenzregion in einer „Judenbeschaffungsaktion“ zur Zwangsarbeit heranzogen, worunter sich auch ehemalige Heydekruger Mitbürger befanden.
Insgesamt leistet die Darstellung einen wertvollen Beitrag zur Beforschung historischer Grenzregionen und verbindet bisher getrennte litauische, russische und deutsche Forschungspositionen über die jüdischen Bevölkerungen auf beiden Seiten der Grenze.
Abschließend sei ein Desiderat beschrieben: Es wäre sehr wünschenswert, wenn für die südliche Grenzregion Ostpreußens, etwa den Abschnitt zwischen Soldau/Mielau und Grajewo, eine ähnliche Studie entstände, wobei ein Schwerpunkt auf den jüdischen Bevölkerungen
möglich, aber nicht zwingend wäre.

Gießen
Hans-Jürgen Bömelburg

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