Isaak Rutman, der seit Anfang der fünfziger Jahre in Sovetsk, dem ehemaligen Tilsit lebte, interessierte sich lebhaft für die Geschichte der Stadt und sammelte alle Zeichen der Zeit, derer er habhaft werden konnte. Auf dem Balkon seiner Wohnung bewahrte er beispielsweise den letzten noch erhaltenen Grabstein des ehemaligen jüdischen Friedhofs der Stadt auf.

Isaak Rutman Ruth Leiserowitz
Isaak Rutman mit Ruth Leiserowitz im Sommer 2000

 

Nach der Öffnung der Kaliningrader Gebietes für ausländische Besucher 1991 versäumte er nicht, viele Gäste der Stadt auch zu ihren Erinnerungen an die jüdischen Bürger zu befragen. Als Ergebnis notierte er u.a.: „Und auch nach dem Ersten Weltkrieg trugen viele der jüdischen Kriegsteilnehmer stolz ihr „Eisernes Kreuz“ auf der Brust. Unter ihnen, wie mir bekannt ist, waren in Tilsit:
1) der Advokat Ehrlich;
2) der Inhaber des Stoffladens in der Deutschen Straße, der ehemalige Offizier Brinitzer;
3) der einarmiger Schumacher Silberstein, der in dem Mehrfamilienhaus auf der Ecke Moltkestraße (Gastello Straße) und Balgadlenstraße (Suvorova Straße) wohnte. Seinen Arm hatte er irgendwo an der Front verloren, und er ließ sich nie ohne das „Eiserne Kreuz“ auf der Straße blicken.
Später bedankte sich das Vaterland bei seinen Helden auf folgende Weise: Der Sohn von Silberstein besuchte das Realgymnasium auf der anderen Seite der Moltkestraße. Einmal während des Unterrichts, wahrscheinlich 1938, ging unerwartet die Tür auf und jemand rief den Jungen in den Flur heraus. Seitdem haben ihn weder die Schulkameraden noch seine Eltern gesehen…

Damals, in den dreißiger Jahren, begangen elf Tilsiter Juden einer nach dem anderen Selbstmord. Unter ihnen war der berühmte Gynäkologe Herr Segal. In der Stadt war er unter anderem auch für seine ehrenamtliche Wohltätigkeitsarbeit bekannt. Während des Ersten Weltkriegs war er leitender Chirurg des Tilsiter Militärlazarett. Die vom Kummer geplagte Witwe verstarb bald darauf, und ihr Sohn Herbert – ein Konzertgeiger des Tilsiter Stadtorchesters- emigrierte nach China.“

Verschiedene Einwohner konnten sich auch nach Jahrzehnten an den Novemberpogrom, die sogenannte Kristallnacht erinnern.

Herr Heinz Kebesch – er wohnte unweit von der Synagoge, in der Fabrikstraße (Iskry Straße)- erzählte:

„1938 wurde die Synagoge verbrannt und von den Nazis zerstört. Als ich einmal morgens zur Arbeit ging, sah ich ein Feuer. Bis heute kann ich dieses schreckliche Bild nicht vergessen.“

Der ehemalige Tilsiter Bruno Lehnert, der bis zum Krieg auch in der Fabrikstraße wohnte und von 1936 bis 1940 dort die alte Volksschule besuchte, weiß noch:

„Im November 1938 war mein Vater sehr krank. Nachts mußte ich den Arzt rufen, der in der Kasernenstraße (Komsomolskaja Straße) wohnte. Da wir nachts schlecht geschlafen haben, wachte ich am morgen spät auf und ging auch spät zur Schule. Als ich die Schulaußentreppe erreichte, war ich überrascht die Tür geschlossen vorzufinden. Das Gebäude kam mir erstaunlich ruhig vor, keine Kinderstimme war zu hören. Es roch nach etwas Verbranntem. Ich ging zur Ecke Saarstraße (so wurde seit 1935 die Kirchenstraße genannt), hier auf der Ecke der Rosenstraße brannte das Gebäude der jüdischen Synagoge, deswegen war die Schule geschlossen. Ich war neun Jahre alt und wußte nicht, was das alles bedeutete. Erst viele Jahre später verstand ich, welche schreckliche Tat damals geschah. Außerdem sind mir die Feuermänner aufgefallen, die so taten, als ob sie das Feuer löschten. Ich wunderte mich und verstand gar nichts…“

Ein anderer ehemaliger Tilsiter, der anonym bleiben wollte, erinnert sich:

„Bis 1988 gab es in Tilsit eine jüdische religiöse Gemeinde, die ihre Synagoge im westlichen Stadtteil, in der Nähe vom Friedhof hatte. Damals wohnten wir in der Waldstraße 52 (Lesnaja Straße). In der Nacht vom 9. November 1938 holte unsere Mutter uns – vier Geschwister – aus den Betten und führte uns zur Eingangstür. Auf der linken Seite sahen wir den Feuerschein. Mutter sagte uns, daß dort die jüdische Synagoge brennt.

Am nächsten Tag, am 10. November 1938 ging ich zur Hohen Straße (Pobeda Straße). Dort, in der Nähe von der Grundbank war das große Schuhgeschäft „Salamander“. Dessen riesigen Schaufenster im unteren Teil, ungefähr auf der Brusthöhe waren zerbrochen und die Schuhe durcheinander rausgeworfen. Daneben lagen Glassplitter. Rechts und links von dem Schaufenster standen zwei Männer in SA Uniform. Auf dem Glas waren rechts und links Davidsterne gemalt (damals nannte man solchen Stern „jüdisch“), und dazwischen stand in weißer Farbe mit ca.1 Meter großen Worten: „Kauft nicht bei Juden“.

Von 1940 bis 1943 besuchte ich das Realgymnasium (höhere Schule für Knaben in Tilsit – I.P.). In dieser Schule unterrichtete ein jüdischer Lehrer. Wie er hieß und was er unterrichtete – erinnere ich mich nicht mehr. Er war nicht groß und hatte einen weißen Vollbart. Eines Tages – ich weiß nicht mehr in welchem Jahr es war – verschwand dieser jüdische Lehrer und tauchte im Unterricht nie mehr auf. Schüler sagten, daß er in ein „Arbeitslager“ kam. Was für eine tragische Bedeutung es damals hatte, wußten wir nicht.

Dieser jüdische Lehrer war mit einer sogenannten „Arierin“ verheiratet, die trotz des Verbots solcher Ehen sich nicht von ihren Mann scheiden ließ. Nach der faschistischen Terminologie hatten sie einen halbjüdischen Sohn. Auch er besuchte unsere Schule. Eines Tages, ein paar Wochen nach dem „Wegschicken“ seines Vaters kam er nicht zum Unterricht. Was mit der Frau passierte, ist mir unbekannt.“

Der ehemalige Tilsiter Einwohner Kurt Lahmrat, der in der Sommerstraße (Turgenewa Straße) wohnte, erzählt:

„Unsere Familie war nicht reich, und deswegen konnte man mir zum neuen Schuljahr die neuen Schuhe nicht kaufen. Einmal sagt mein älterer Bruder zur mir: ‚Du hast ja keine Schuhe, auf der Hohen Straße hat man viele Schuhe aus dem jüdischen Geschäft auf die Straße geworfen. Geh und nimm dir so viel du willst…“

Eine alte Deutsche, die 1938 noch ein Kind war, erzählt.: „Sie erinnert sich, wie eine Jüdin, die Besitzerin des Geschäfts im Nachbarhaus, im hysterischen Anfall zu ihnen nach Hause kam. Ihre Familien waren befreundet. Die Jüdin weinte und klagte: ‚Wie sollen wir jetzt bloß leben, wenn auf den Fenstern meines Geschäfts seit dieser Nacht ein Plakat hängt: „Kauft nicht bei Juden! Wer bei Juden kauft, ist ein Verräter!“

aus dem Russischen von Alina Gromova

 

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