Wir laden Sie ein, das jüdische Königsberg in Kaliningrad zu entdecken. Die erste Broschüre beschreibt das Stadtviertel, in dem die meisten Juden der Stadt seit jeher leben. Die Route beginnt an der Börse und endet vor der wieder aufgebauten Synagoge.

Altes Zentrum KönigsbergDie Geschichte der Juden im Stadtteil Vordere Vorstadt, der direkt südlich der Dominsel (Kneiphof) lag, ist das Leitmotiv dieser Tour, die verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens erzählt. Es werden Stätten früherer Synagogen gezeigt und einige herausragende Persönlichkeiten Königbergs vorgestellt. Vom letzten Kapitel der Stadt Königberg werden wenig bekannte „Judenhäuser“ vorgestellt, aus denen die Juden von Königberg zur Vernichtung geschickt wurden. Die Broschüre wurde vom Verein Juden in Ostpreußen konzipiert.

Rundgang Walk Jewish Koenigsberg

 

Die Broschüre mit dem Rundgang kann man im Synagogen-Shop vor Ort erhalten oder auch hier als Pdf-Dokument herunterladen: Pdf-Rundgang zum Selbstausdruck >>


Inhalt:

Station 1 Koenigsberg Jewish

Die sogenannte Neue Börse, entworfen von dem Architekten Heinrich Müller, entstand 1870–1875 an dem Vorgängerbau der heutigen Brücke, der Grünen Brücke. An dieser Börse wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jh. viel mit Getreide gehandelt. Königsberg war einer der bedeutendsten Getreideexportplätze an der Ostsee. Die Bedeutung nahm zu, nachdem die Stadt und ab 1860 direkte Eisenbahnverbindung von Königsberg in das Zarische Imperium hatte. Viele Getreidehändler kamen aus den litauischen oder weißrussischen Gouvernements. Sie waren überwiegend Juden. Das Viertel südlich der Börse hieß die Vordere Vorstadt. Hier wohnten traditionellerweise viele Juden. Das beweist auch eine Illustration aus dem Jahr 1844. 

Magazine Lagerhaus Perlmann Koenigsberg
Station 2 Jewish Koenigsberg Walk

Der Arm des Pregels trägt seit alters her den Namen Hundegatt. An ihm hatten die Kaufleute früher ihre Speicher. Bis 1924 wurde hier auch das importierte Getreide gelagert. Einer der Begründer der Gemeinde Adat Jisroel, Max Mordechai Perlmann, ein Kaufmann, der aus Minsk stammte, besaß hier fünf Speicher.

Bahnhofstrasse Koenigsberg

Wenn man in die andere Richtung schaut, über die Straße hinüber, etwa in die Mitte zwischen der Börse und der nächsten Straßenecke, blickt man auf den Platz, an dem auf einem Hinterhof seit 1865 die „Polnische Synagoge“ stand. Dieses einfache Bethaus war von Kaufleuten errichtet worden, die ihre Wurzeln in den anliegenden polnischen Gebieten hatten ihre Gottesdienste im polnischen Ritus abhielten. Der langjährige Rabbiner Dr. Iser Nischkowski starb 1933. Diese Synagoge schlossen die Nationalsozialisten schon vor dem Novemberpogrom. 

Jetzt biegt man in eine Straße ein, die bis in die 1920er Jahre Bahnhofstraße hieß, da sich an ihrem Ende der alte Königsberger Bahnhof befand.

Station 3 Arlozerov Zionisten
Gruppenbild Jewish Koenigsberg

In dieser Straße befand sich Anfang der zwanziger Jahre auch ein Treffpunkt der Königsberger Zionisten . Obwohl Viktor Chaim Arlosoroff (1899-1933), der in Königsberg das Gymnasium besucht hatte, zu dieser Zeit nicht mehr in Königsberg, sondern in Berlin lebte, kam er regelmäßig Freunde beuschen. Davon zeugt auch ein Foto eines zionistischen Treffens, das im Winter 1920/21 hier in dem Treffpunkt in der Bahnhofstraße aufgenommen wurde.

Genau neben dem Gebäude der Bernsteinmanufaktur verlief früher eine schmale Straße, die Feuergasse, an deren Ende sich unter der Nr. 2 eine chassidische Synagoge, ein sogenanntes „Stiebel“ befand. Ärmere Juden aber auch viele Christen lebten um die Jahrhundertwende hier.

Bernsteinmanufaktur (yл. Портовая)

Der Unternehmer Moritz Becker begann 1858 gemeinsam mit seinem Kompagnon Friedrich Wilhelm Stantien Bernstein industriell zu fördern. 1861 pachtete er das Recht auf Bernsteingewinnung vom preußischen Staat. Die Firma errichtete das erste Bergwerk für Bernstein in Palmnicken. Aus diesen Gewinnen spendete Becker viel Geld für den Bau der Synagoge, die 1896 fertiggestellt wurde.   1899 verkaufte er das Bernsteinrecht an das Königreich Preußen und der Staat gründete die  Königlichen Bernsteinwerke Königsberg.

Dafür wurde dieses Gebäude, die Bernsteinmanufaktur, gegründet. In ihr waren viele Bernsteinarbeiter beschäftigt. Die größten Spezialisten waren jüdische Bernsteinschleifer, deren Familien aus dem litauischen Palanga stammten. Ihre Familien lebten zum größten Teil in diesem Viertel.

In dieser Straße lebten viele jüdische Familien. Zu ihnen gehörte die Familie von Levin Minkowski, die 1877 nach Königsberg kam, damit die Söhne eine gute Ausbildung bekämen. Hermann Minkowski (1864–1909) wurde ein bekannter Mathematiker und sein älterer Bruder Oskar (1858–1831) ein bedeutender Arzt.  Einer der berühmtesten Bewohner war der berühmte jüdische Gelehrte, Talmudist und Rabbiner Israel Salanter (1810–1883). Er stammte aus dem litauischen Žagarė. Er lebte in verschiedenen europäischen Städten und verbrachte seine letzten Jahre hier in Königsberg, wo er auch starb. Sein Grab kann auf dem Jüdischen Friedhof besucht werden.

 

Wir biegen jetzt auf die ehemalige Kaiserstraße.

Station 5 jüdisches Königsberg Rundgang
Jahrmarktsplatz Königsberg Rundgang Tour

Diese Straße wurde am Ende des 19. Jhs. auf einem zugeschütteten Wassergraben errichtet und galt damals als sehr modern. Hier zogen viele jüdische Familien ein, die auch ihre Firmen in dieser Straße etablierten. Sehr wichtig war zum Beispiel die Vertretung der HAPAG (Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Actien-Gesellschaft), die sich hier an der Ecke Kaiserstr. /Vordere Vorstadt befand. Die HAPAG verkaufte Schiffskarten für die Auswanderung nach Amerika. Viele jüdische Familien kamen aus dem Ansiedlungsrayon mit der Bahn nach Königsberg, kauften hier ihre Schiffskarten  und fuhren dann weiter in Richtung New York. Der Chefagent der HAPAG, Adolf Abraham Funk, war aus dem litauischen Palanga nach Königsberg gekommen und hatte hier das Auswanderergeschäft aufgebaut.

In dieser Gegend gab es auch viele Gasthäuser und Hotels, die sich traditionell dicht an der Eisenbahn befanden. Dazu gehörte auch ein koscheres Hotel.

Das Hotel Mazie wurde von Hannah Mazie geleitet, die aus Mir stammte. Sie war streng religiös und trug auch noch eine Perücke. Im Sommer betrieb sie eine koschere Pension im Badeort Cranz.

Hier in dieser kleinen Straße, die kaum mehr zu erkennen ist, wurde auf der Nordseite 1756 die erste Synagoge von Königsberg eingeweiht. Vorher hatten die Juden einen gemieteten Betraum in der heutigen Theaterstraße. Bei dem großen Brand 1811 wurde auch diese Synagoge vernichtet, aber dann 1815 wieder aufgebaut. Damals lebten ca. 1.000 Juden in der Stadt. Daneben befand sich die Mikve, das traditionelle jüdische Badehaus. In dem Haus nebenan war ein jüdisches Altersheim untergebracht. Es trug den Namen „Israelisches Stift“ und existierte bis 1942.

Adas Jisroel Synagogue

1893 gründete sich die Gemeinde Adas Jisroel in der Stadt und baute im gleichen Jahr auf der anderen Straßenseite (der Südseite) eine eigene Synagoge. Die Alte Synagoge wurde während des Novemberpogroms 1938 angezündet, die Synagoge Adas Jisroel wurde nicht in Brand gesteckt, da sich in der Nachbarschaft andere Gebäude befanden.

Hier fanden noch bis 1942 Gottesdienste und Treffen der Jüdischen Gemeinde statt. Das Gebäude wurde Ende August 1944 durch englische Bomben zerstört.

In der nächsten Straße, deren Häuser am Ende des 19. Jhs. errichtet wurden, zogen jüdische Familien, die der Tradition gemäß der Synagoge nah sein wollten. In der Zeit des Nationalsozialismus mussten jüdische Familien aus anderen Straßen hier in  Häuser in der Selkestraße oder in deren Nähe ziehen. Von hier aus wurden sie 1942 in die Deportation und in die Vernichtung geschickt

Selke Str
Sandelowski Maretzki

 

Lina Sandelowski und Heinz Maretzki wurden wie viel andere jüdische Bewohner der Selkestraße im Juni 1942 deportiert.

Hochzeitsbild von Lina Sandelowski und Heinz Maretzki  1941 in der Selkestr. 21

Station 7 jüdisches Königsberg

Benno Michelly (1827-1904), Kaufmann, wichtige Person im Vorstand der Jüdischen Gemeinde und Stadtrat (1878-1899).

Er stammte aus einer Königsberger Familie. Seine Verdienste für die Stadt, vor allem auf dem Gebiet der Sozialpolitik waren so groß, dass die Stadt Königsberg nach seinem Tod diese neugebaute Straße nach ihm benannte. 1933 veränderten die Nationalsozialisten den Straßennamen, sie hieß jetzt Salzwiesenstraße. Jede Spur an Verdienste von Juden sollte gelöscht werden.

Station 9 Jewish Kaliningrad

Wir schauen hinüber auf das andere Ufer. Hier befanden sich viele repräsentative Gebäude. Unter anderem hatte der Bankier George Marx (1843–1927) hier seinen Wohnsitz. Mit ihm lebten seine Frau, die Dichterin Gertrud Marx  (1851–1916) und seine 12 Kinder. Marx war der Begründer der Norddeutschen Creditanstalt, einer Bank, mit der er sehr stark in  Wirtschaft und die Entwicklung der Stadt und der Region investierte. Darüber hinaus war Marx ein wichtiger Philantrop der Stadt.

Villa Marx Koenigsberg

Das Haus der Familie Marx
(vor 1927)

Auch der bedeutende Kantor der Synagoge Eduard Birnbaum (1855–1920) lebte lange direkt in der Nachbarschaft am Weidendamm.

Von hier aus kann man schon die Kuppel der Synagoge, erblicken, wo der Schlusspunkt des Spaziergangs sein wird.

Der Rundgang endet vor der Neuen Liberalen Synagoge, neben dem links das ehemalige Jüdische Waisenhaus steht, das 1904 aus Spenden der Jüdischen Gemeinde, darunter einer Großspende der Witwe des Bernsteinmagnaten Moritz Becker, Henriette Becker und seinen Söhnen, errichtet wurde. Bis Ende 1938 lebten hier jüdische Waisenkinder, die nach dem Novemberpogrom mit einem Kindertransport in die Niederlande bzw. nach England gebracht wurden. Dann fand hier bis 1942 der Unterricht der Jüdischen Schule statt.

Synagogue Koenigsberg 1896
Waisenhaus und Synagoge (ca.1904–1911)

Die Liberale Synagoge wurde  1896 nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Cremer & Wolffenstein eingeweiht. Damals lebten über 4.000 Juden in der Stadt. 

Der Bau, der durch zahlreiche Spenden der jüdischen Kaufleute, vor allem der Teehändler und durch Moritz Becker finanziert wurde, brannte während des Novemberpogroms 1938 aus. Anschließend mussten Männer der Jüdischen Gemeinde bei der Abtragung helfen. An dieser Stelle wurden Baracken für jüdische Zwangsarbeiter errichtet. 2011 entstand die Stiftung für den Synagogenbau in Kaliningrad. Hauptsponsor des Synagogenbaus ist der Kaliningrader Geschäftsmann  Vladimir Katsman. Das neue Gebäude wurde am 8. November 2018 eingeweiht. In der Synagoge wird auch ein Museum mit einer Bibliothek eingerichtet werden

Jewsineastprussia Kaliningrad Snagogue

(Text: Ruth Leiserowitz, Idee: Victor Shapiro & Ruth Leiserowitz)
Ins Englische und Hebräische übersetzt mit freundlicher Unterstützung von Ralph Salinger (Jewish Vilaviskis)

Die Broschüre mit dem Rundgang kann man im Synagogen-Shop vor Ort erhalten oder hier als Pdf-Dokument herunterladen: 
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