von Birgit Ammann, Farbfotos aus dem Jahr 2024

Darkehmen – heute Osjorsk – im Süden des russischen Kaliningrader Gebiets gelegen, ist eine kleine ländliche Stadt, die früher zu Ostpreußen gehörte. Zwischen 1938 und 1946 wurde sie nach dem durch die Stadt fließenden Fluss in Angerapp umbenannt und trägt seit 1946 ihren heutigen Namen Osjorsk. Darkehmen blühte auf mit der Erhebung zur Kreisstadt im Jahr 1818 und war bekannt für seine neun Vieh-, Pferde- und allgemeinen Märkte pro Jahr.

Anfänge

Die ersten Juden kamen Anfang des 19. Jahrhunderts durch diese Märkte nach Darkehmen. Der erste, der sich im Jahr 1815 in der Stadt niederließ, war der Kaufmann Jacob Isaac Schopp aus dem etwa 40 Kilometer entfernten Stallupönen. Aufgrund der Einwände der Kaufleute aus Darkehmen musste er versprechen, „durchaus mit Schnittwaaren und Bänder en detail zu handeln, auch in nichts der hiesigen Kaufmannschaft Abbruch thun zu wollen,“ – sich ausschließlich mit Schneiderei und Bändern zu befassen und den örtlichen Kaufleuten in keiner Weise zu schaden. Schopp unterschrieb gewissenhaft und klug: „ich Schreibe vor bloß vier mich unter und nicht meine nach Kommende“ – ich unterschreibe nur für mich selbst und nicht für meine Nachkommen (Zitate: Karl Storz: Darkehmen – Geschichte des Wohnplatzes und der Stadt bis zur Gegenwart, 1925 S.90).

Cemetery – No Synagogue

1824 kaufte Schopp zusammen mit zwei anderen Kaufleuten – Schlomann Lewin und Salamon Adam – Land für einen Friedhof vor dem protestantischen Friedhof an der Straße zum Dorf Menturren. Davor war auf dem jüdischen Friedhof im rund 30 km entfernten Gumbinnen bestattet worden. Lewin wurde 1826 als Kantor und Lehrer eingestellt und wurde damit der erste jüdische Religionsbeamte in der Stadt. Schopp kaufte 1832 ein Haus an der Straße, die zum Dorf Gudwallen führt. Seine Familie lebte mindestens bis 1873 in Darkehmen, die Familie Adam mindestens bis 1871. Die Familie Lewin lässt sich in Darkehmen bis 1839 verfolgen.

Im Jahr 1925 umgab der christliche Friedhof aus dem Jahr 1808, der 1837 und 1880 erweitert worden war, den jüdischen Friedhof auf drei Seiten. Der jüdische Friedhof wurde 1938 zerstört, heute gibt es keine Spuren mehr davon. Über eine mögliche Existenz einer Synagoge in Darkehmen wird gerade noch geforscht.

Darkehmen cemetery today
Ungefährer Ort des Jüd. Friedhofs, umgeben von christlichen Frdh.
Die Familie Rothstein übernahm die Geschäftsräume am Marktplatz in Darkehmen von Bernhard Schelasnitziki

Geschäftsinhaber – Niedergang – Ende

Im kollektiven Gedächtnis der Stadt waren in den 1930er und 1940er Jahren etwa zwölf jüdische Familien namentlich bekannt, die eng mit Darkehmen verbunden waren, die meisten von ihnen als Kaufleute und Geschäftsinhaber. Einige lebten dort seit mehreren Generationen, andere waren durch Einheiraten verbunden.

Die Zahl der jüdischen Familien war bereits um 1865 zurückgegangen. Im Jahr 1880 waren bei einer Gesamteinwohnerzahl von 2983 91 Juden registriert, 1905 waren es 48, 1918 85, 1925 21. Im Jahr 1931 erinnerten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde – etwas widersprüchlich zu anderen Zahlen – daran, dass vor dem Ersten Weltkrieg 40 Familien in Darkehmen gelebt hätten. Im Jahr 1932 lebten dort trotz der formellen Existenz der Gemeinde nur noch zwölf Juden (unter 3.375 Einwohnern – 0,4 % der Gesamtbevölkerung), und nur zwei Kinder erhielten Religionsunterricht. Zur Gemeinde Darkehmen gehörten zwei weitere Ortschaften: Klein Darkehmen, heute Teil von Osjorsk, und Trempen, heute Nowostrojevo. Erich Sommerfeld war langjähriger Vorsitzender der Gemeinde.

Im Mai 1939 lebte kein einziger jüdischer Einwohner mehr dort, nur eine Frau, die nach der Terminologie der Nazis „halbjüdisch” war, durfte bleiben, bis nach dem Zweiten Weltkrieg die gesamte deutsche Bevölkerung vertrieben wurde.

Dieser Text (in Englisch) findet sich auch in dem Project bei Geni.com: „Jewish families connected to Darkehmen/Angerapp, East Prussia (now Osjorsk/Oɜepck Kaliningrad)“
https://www.geni.com/projects/Jewish-families-connected-to-Darkehmen-Angerapp-East-Prussia-now-Osjorsk-O%C9%9Cepck-Kaliningrad/4509320

Fundstücke jüdischer Geschäfte im lokalen Geschichtsmuseum