Der Marktflecken Tilsit an der Memel erhielt 1552 Stadtrechte. In den Jahren 1708 – 1710 entvölkerte die Pest besonders dieses Gebiet. Danach erfolgte Neuansiedlung aus allen Gebieten Deutschlands und auch Schweizer, Franzosen und vor allem Salzburger fanden im 18. Jahrhundert den Weg nach Ostpreußen.

Die Stadt Tilsit wurde im Jahr 1895 zur kreisfreien Stadt erhoben. Nach dem ersten Weltkrieg verlief die Reichsgrenze zum Memelgebiet, das später an Litauen angegliedert wurde, nördlich der Stadt entlang an der Memel. Der Kreis Tilsit büßte durch den Vertrag von Versailles seine nördlichen Gebiete ein. Heute heißt die Stadt Sovetsk und gehört zum Kaliningrader Gebiet.

Tilsit place of prayerhaus
Hier stand das erste jüdische Gebetshaus (Bild Aug 2000)

 

Die meisten Dokumente zur Stadtgeschichte sind in Folge des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen. Diese Tatsache erstreckt sich auch auf die Unterlagen zur Geschichte der Tilsiter Juden.

Aus Abschriften von Bürgerrollen der Stadt Tilsit für die Jahre 1754 -1855 und 1872-1905 läßt sich ersehen, wieviele Juden welcher geographischen Herkunft zu jener Zeit das Stadtbürgerrecht erwarben.

Tilsit bridge over Memel river

Unter den 102 Juden, die 1813 -1855 das Stadtrecht erwarben, waren 21 bereits hier geboren worden, 13 stammten aus Tuelz (Westpreußen), 8 aus Märkisch Friedland aber nur fünf (4,9%) aus nichtdeutschen Gebieten.
Diese Zuwanderer kamen aus dem russischen Smurgon und Sluzk, sowie aus den litauischen Städten Wirballen, Tauroggen und Mariampole.

Unter den 128 Juden, die 1872 -1905 das Stadtrecht erwarben, waren 17 bereits hier geboren worden, und 43 (33,6%) stammten aus nichtdeutschen Gebieten.

Diese Zuwanderer kamen aus Rußland, Polen, Kurland und Litauen, allein 8 aus dem nahe gelegenen Tauroggen und drei aus der litauisch-preußischen Grenzstadt Wischtyten.

Door from a timbermerchants villa

Diese Tendenz der ansteigenden Zuwanderung aus den östlichen Nachbargebieten war für das gesamte Ostpreußen typisch. Gerade nach 1880 flohen russische Juden vor den Pogromen und Repressionen des Zarenreiches in großer Zahl nach Deutschland. Noch zahlreicher war aber die Gruppe der Juden, die sich via Deutschland sofort in andere Länder begab – entweder sofort in die neue Welt oder auch nach Palästina.

Allerdings konnte niemand ahnen, daß Tilsit resp.  Ostpreußen auch für die jüdische Bevölkerung, die sich hier ansiedelte, nur eine Transitstation darstellte und die nächste Generation schon wieder weiter auswandern mußte – nach Amerika, Süd-Afrika oder noch im letzten Moment nach Shanghai.

Auf Grund seiner geographischen Situation, als Stadt mit guter Eisenbahn-, Schiffahrts- und Chausseeanbindung 25 km vor der russischen Grenze, bot Tilsit breitgefächerte Möglichkeiten für in- und ausländische Kaufleute. Hier hielten sich viele Geschäftsleute auf. Als nach 1880 die Einreisebestimmungen für russische Juden verschärft wurden, erlitt die Stadt und auch die Synanogengemeinde erhebliche Einbußen.

Quellen:
Geh. Staatsarchiv Berlin
Abt.XX, Rep.12, Titel 3, Nr.33, Band III
Tilsit, Niederung und teilweise Ragnit 1878-1889
Die Abschriften der Bürgerrollen der Stadt Tilsit sind Bestandteil der Sammlung Brilling im jüdischen Museum Frankfurt (A 153)
Ambrassat, Geschichte Ostpreußens

Fotos:
Walter Engelhardt (Ulla Lachauer, Land der vielen Himmel. Memelländischer Bilderbogen. Die Photosammlung Walter Engelhardt),
Michael Leiserowitz

 

Zum Verzeichnis Orte in Ostpreussen A-Z >>

Menü schließen