Was passierte mit den Juden in Memel und wie waren die Auswirkungen für die Stadt nach dem Anschluss von 1939?

23. März 2026: Darüber redete die Professorin Ruth Leiserowitz von der Universität Klaipeda in dem Vortrag zum Jahrestag des Anschlusses des Memellandes an das Deutsche Reich 1939. Für ihren Vortrag über die Ereignisse von damals benutzte sie öffentlich zugängliche, nationale und internationale Quellen – wie Adressbücher oder Mitteilungen in der Presse. Es wird in Zukunft noch eine Publikation dazu geben. Hier in diesem Beitrag wird die deutsche und jiddische Bezeichnung Memel stellvertretend für das litauische Klaipeda verwendet.

Einige Aspekte aus dem Vortrag:

1) Seit 1958 bestimmte ein friedlich klingender Mythos durch die Aussage des ehemaligen Oberbürgermeisters Dr. Wilhelm Brindlinger im Ulmer Prozess das Narrativ über die damaligen Vorgänge. Sinngemäß sagte er, dass die Juden Memel innerhalb von 10 Tagen die Stadt verließen und dass er stolz sei, dass die Memeler sich dabei würdig und ohne Gehässigkeit benommen hätten. Es sei seiner Meinung nach nicht ein einziger Jude behelligt worden.

2) Für die Memeler Einwohner war das Verschwinden der Juden sehr bequem, über deren Schicksal wurde damals und später nicht nachgedacht. Heute ist es klar, dass die meisten Memeler Juden in der Folge in den Ghettos von Kaunas und Šiauliai (Schaulen) umgekommen sind.

3) Ostpreußens Gauleiter Koch versuchte in der Übergangszeit vom Anschluss bis zur formalen Eingliederung des Memelgebietes durch zum Teil eigenmächtiges Handeln alle Repressionen gegen Juden innerhalb von 6 Wochen durchzuführen, die in Deutschland stufenweise im Laufe von 6 Jahren erfolgt waren. Auch belohnte er seine Parteigenossen, indem er zum Beispiel die Truppen der SA sofort als Mitarbeiter des Zolls an der neu geschaffenen Grenze zu Litauen einsetzte, wo sie sich an ausreisenden Juden persönlich bereichern konnten.

4) Die Untersuchung der Unterlagen zeigt, dass ca. 200 Häuser in der Stadt Memel ihre Besitzer in dem Zeitraum 1938 bis 1942 wechselten. Die Markierungen auf einem Stadtplan zeigen deutlich auf, wie eng verzahnt Christen und Juden im gesamten Stadtgebiet wohnten.

Es folgt nun eine Serie von kurzen Beiträgen unseres Vereins, die im Anschluss des Vortrags in den sozialen Medien gepostet wird. Sie zeigt Beispiele, welche heutigen Häuser in Klaipeda damals den Besitzer wechselten und welches Schicksal die jüdischen Memeler danach erwartete.

Vortrag von Prof. Dr. Ruth Leiserowitz
„KLAIPĖDA / MEMEL NACH DEM 23. MÄRZ – EINE STADT OHNE JUDEN?“

Konferenzsaal des burgmuseums am 23. märz 2026 um 17:30 uhr, Priešpilio St. 2, Klaipėda
Veranstalter und Partner: geschichtsmuseum von kleinlitauen, Geschichts und Archeologie institut der Baltischen region der Universität klaipėda, Jüdische Gemeinde klaipeda.