Start einer Serie kleiner Beiträge über die radikalen Änderungen des Jüdischen Besitz an Wohnraum von 1938 bis 1942 in Memel / Klaipeda


Memel Klaipeda: Hohe Straße 6-8 (Aukštoji g. 11, 13) Die Häuser gehörten Samuel Sagenkahn. Der aus Salantai stammende Gastwirt in Bajohren hatte diese Häuser als Wertanlage gekauft. Sagenkahn hatte 14 Kinder. Eine der Jüngsten war seine Tochter Lydia, die 1930 ihr Abitur am Auguste-Victoria-Lyzeum ablegte und anschließend nach Frankfurt zum Studium ging. Mit Beginn der NS-Herrschaft kehrte sie nach Memel zurück, heiratete und emigrierte mit Mann und Kind, zuerst in die USA. Später lebte die Familie in Johannesburg (Südafrika).


Memel Klaipeda: Markstr. 39 (Turgaus g. 17); Dieses Haus gehörte dem Fabrikbesitzer Isidor Werblowsky. Hier lebte er gemeinsam mit seiner Mutter Sophie, seinem Bruder Simon, seiner Frau Lydia geb. Zann und den Söhnen Heinz und Gert. Die Werblowskys waren die Söhne und Erben von Leib Werblowsky, der eine Zigarettenfabrik in Memel gegründet hatte.

Ende Oktober 1938 flüchtete Isidor mit seiner Familie nach Frankreich und gab die Söhne, die damals 16 und 11 Jahre alt waren, in ein Schweizer Internat. 1940 wurde der Familie die litauische Staatsbürgerschaft aberkannt. Sie flüchteten nach Havanna. Ab 1946 lebte die Familie in Brasilien.


Memel Klaipeda: Marktstr. 48/49 (Turgaus g. 3); Vor dem Frühjahr 1939 befanden sich in dem Gebäude das Restaurant „Britischer Tunnel“, das tschechoslowakische Honorarkonsulat, verschiedene Mietwohnungen sowie die Kommerz- und Kreditbank von Efim Konikoff, dem das Gebäude auch gehörte. Konikoff, der aus Riga stammte und seine Frau Mussia geb. Gurjewitz, die in Witebsk geboren war, hatten vor der Revolution in St. Petersburg gelebt,

wo auch ihre beiden Söhne Alexander und Adolf (später Adia) geboren wurden. Der jüngere Sohn absolvierte 1930 das Abitur am Luisengymnasium und promovierte 1935 in Basel, die Arbeit wurde im Verlag „Lituania“ in Memel gedruckt. Die Familie emigrierte im Frühjahr 1939 nach Palästina, wo der Sohn Adolf wichtige Funktionen im Finanzsektor des jungen Staates Israel übernahm.


Memel Klaipeda: Roßgartenstr. 1 (Vytauto gatvė 24); Dieses Haus wurde 1931 vom Architekten Herbert Reissmann für den Arzt Dr. Salomon Burstein erbaut. Es beherbergte eine private Klinik sowie die Wohnung der Familie Burstein. Burstein wurde 1893 in Bajohren geboren und schloss 1921 sein Medizinstudium in Königsberg ab.

Er heiratete Hilde Herzberg aus Breslau. Gemeinsam hatte das Paar zwei Kinder, Inge (geb. 1928) und Herbert (geb. 1931). 1939 floh die Familie nach Kaunas. Dr. Burstein erlitt einen Herzinfarkt, wodurch die Flucht der Familie nicht fortgesetzt wurde. Alle Familienmitglieder wurden ermordet.
Fotos (c) Yad Vashem


Memel Klaipeda: Töpferstr. 1a (Puodžių g. 4). Der Bernsteinfabrikant Leib Leopold Karpus, der aus Palanga stammte, kaufte in den zwanziger Jahren das Haus in der Töpferstr. 1A. Karpus war Chef einer Bernsteinschleiferei. 1938 wurde bei ihm ein Schachspiel für den litauischen Präsidenten Antanas Smetona in Auftrag gegeben. Nach der Fertigstellung wurde es mehrere Wochen lang zur Besichtigung ausgestellt, bevor es nach Kaunas reiste. Die Familie Karpus hatte vier Söhne und zwei Töchter. Nur der Sohn Benno überlebte den Holocaust und emigrierte anschließend in die USA.

Auf dem Foto sind die Geschwister Daniel und Nora Karpus. Foto (c) Livio Sirovich.


Memel Klaipeda: Grabenst. 5 (Sukilėlių g. 18); Dieses Haus sah vor 1939 anders aus, denn es war damals verputzt. Es gehörte dem Kaufmann Gerson Scher, der aus Memel stammte. Der Grabstein seiner Mutter, Johanna Scher, die aus Skuodas kam, kann auf dem jüdischen Friedhof  besichtigt werden. Gerson Scher floh mit seiner Frau Esther und den Kindern Lina, Harry und Siggi 1939 nach Kaunas. Die gesamte Familie wurde dort ermordet.

Foto: (c) Yad Vashem


Memel Klaipeda: Friedrich-Wilhelm-Str. 29/30 (Tilto g. 6A) Mehrere Jahrzehnte lang lebten der Kaufmann Siegfried Rudeitzky und seine Frau Ernestine geb. Willkowsky in einem Haus an dieser Stelle, das ihnen auch gehörte. Sie zogen drei Töchter und zwei Söhne groß. Im Frühjahr 1939 floh das Ehepaar Rudeitzky nach Skuodas, Ernestines Geburtsort. Kinder und Enkel flohen nach Kaunas, wo die meisten im Ghetto oder in einem der Forts umkamen. Eine Enkeltochter wurde von Litauern versteckt, überlebte und ging später nach Israel. Foto aus Familiensammlung von K. Vinogradzki

Die Vorkriegsabbildung des Hauses wurde in Facebook bei SpalvotaLietuvosIstorija gefunden, gepostet von: Rola Lora


Memel Klaipeda: Große Wasserstr. 3/4 (Didžioji Vandens g. 5) Mindestens seit 1909 hatte die Familie Benjamin in diesem Haus gelebt. Der Eigentümer, Kaufmann Schlomm Benjamin war ein Nachfahre von Simon Benjamin, der bereits 1795 einen Schutzbrief für die Ansiedlung in Memel erhalten hatte. Die Witwe Rahel Benjamin, geb. Scheer verkaufte das Haus im Dezember 1938, bevor sie mit ihren drei Töchtern und drei Söhnen nach Los Angeles emigrierte. Kurt Benjamin (1904-2001) war die bekannteste Person unter ihren Kindern. Er wurde schon mit 20 Jahren 1930 in Memel von den Sozialdemokraten zum Stadtrat gewählt.


Memel Klaipeda: Baderstr. 3 (Daržų g. 12); Das Haus des Schächters. Mindestens seit 1890, wenn nicht sogar schon früher, war Isaak Eppelmann der Schächter der Gemeinde. Er stammte aus Laižuva (in Nordlitauen) und starb 1916. Das Haus der Eppelmanns wurde dann verkauft.

Memel Klaipeda: Schlächterstr. 1 (Bružės g. 2); Sein Nachfolger Gerson Rosenkowitz, der aus Šilalė stammte und vorher in Kelmė als Schächter amtierte, kaufte sich nach einigen Jahren ein eigenes Haus in der Schlächterstr. 1 (Bružės g. 2). So gibt es im heutigen Klaipėda also zwei Häuser der Schächter.


Wie hat sich das letzte Annexionsabenteuer der Deutschen vor dem 2. Weltkrieg auf die Juden und die Stadt ausgewirkt? Um darüber reden zu können, wurden erst die Besitzerwechsel in verschiedenen Dokumenten und Presseberichten aus dem In- und Ausland ermittelt und anschließend auf einer Karte eingezeichnet – es ergab sich ein bunter Teppich – jüdisches Leben war eng mit der Stadt verwoben. Wer hat von den Änderungen profitiert und waren diese gut für die Entwicklung der Stadt, die plötzlich wieder am Rande Ostpreußens lag?

Ruth Leiserowitz hielt am 23. März 2026 in Klaipeda einen Vortrag „Memel nach dem 23. März- eine Stadt ohne Juden?“ Die Veranstaltung wurde organisiert von dem Kleinlitauischen Museum in Klaipeda, der Jüdischen Gemeinde Klaipeda und dem Historischen Institut der Universität Klaipeda.

Eigentumsverhältnisse im Jahr 1942; Von den ca. 200 Wohnhäusern, die als jüdisches Eigentum identifiziert werden konnten, waren der größte Teil in privatem Besitz, viele in Verwaltung der “ Treuhand“ und im Besitz der Stadt Memel, 10 Gebäude wurden zu NS-Institutionen.

Link zum Post über den Vortrag von Prof. Dr. Ruth Leiserowitz “KLAIPĖDA / MEMEL NACH DEM 23. MÄRZ – EINE STADT OHNE JUDEN?”